Banken und die Kultur- und Kreativwirtschaft: eine neue Chance?

Banken und die Kultur- und Kreativwirtschaft: eine neue Chance?

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« If you want something new, you have to stop doing something old » – Peter Drucker

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Wenn du etwas Neues willst, musst du damit aufhören, etwas Altes zu tun – Peter Drucker

Lissabon. Ein Mitarbeiter der Hauptbank des Landes räumt ein, dass er für das gesamte Jahr 2018 lediglich zwei Kreditanträge aus der Kultur- und Kreativwirtschaft (CCI) bearbeitet hat. Prag. Unser Seminar zur Erläuterung der Kino-Industrie für die Bankmitarbeiter ist bereits weit vorangekommen. Ein couragierter Mitarbeiter unterbricht mich, als ich eine neue Version der Wertschöpfungskette in Bezug auf die Filmproduktion beschreibe: « Was bedeutet VoD »? Und so geht es weiter.

Es ist nun ein Jahr her, dass wir als Konsortialpartner für den Europäischen Investitionsfonds (EIF) arbeiten. Wir haben einen Kurs konzipiert um die Kapazitäten der Banken für die Kreditvergabe an Unternehmen aus dem kulturellen Bereich zu stärken. Der Kernauftrag des EIF besteht darin, die Entwicklung der kleinen und mittleren Unternehmen in Europa über einen erleichterten Zugang zu Finanzmitteln zu unterstützen. Dieser Artikel beschreibt die Immersion von KEA in einer neuen Umgebung: Finanzinstitute. Das Ziel besteht daran, den CCI-Sektor zu mobilisieren, um von dieser Finanzinstrument zu profitieren.

Zur Erforschung des gesamten Themas war ein Jahr nicht ausreichend. Wir sind aber tief genug in die Funktionsweisen des Projekts eingetaucht, um ein Zeugnis über die Beziehung zwischen den Banken- und CCI-Sektor abzulegen, eine erste Auswertung zu erstellen und daraus Lehren zu ziehen. Dieser Artikel will kulturelle und kreative Unternehmer auf die Möglichkeit hinweisen, einen Dialog mit der Finanzgemeinde einzuleiten.

In diesem Jahr haben wir entdeckt, wie schwierig es ist, über die Kulturwirtschaft außerhalb der kulturellen Umgebung zu sprechen, und wie wenig Interaktion zwischen Unternehmen und generalistischen Banken stattfindet, ob öffentlich oder privat. Die europäische Kultur- und Kreativwirtschaft ist wettbewerbsfähig, ein bedeutender Leistungsträger für Wohlstand und Beschäftigung. Sie nutzt die explosionsartige Steigerung der Nachfrage nach kulturellen Inhalten beim Streaming und auf mobilen Plattformen (Smartphones), vornehmlich hinsichtlich Musik, Videospielen oder audiovisuellen Produktionen. Der Bereich hat seine internationalen Champions (z.B. Universal, Dior, Ubisoft, BBC, Gucci, Supercell). Darüber hinaus beruht es aus Myriaden agiler und kreativer Strukturen, die von leidenschaftlichen und kompetenten Unternehmern geleitet werden, oftmals Marktführern im eigenen Land. Ungeachtet ihres Erfolges unterliegen Unternehmer im Kreativbereich häufig chronischer Unterfinanzierung und mangelndem Interesse der Banken.

Die Beziehungen zwischen dem Finanzsektor und der Kulturwelt sind schwierig. Sie sind geprägt von tiefem Misstrauen, angetrieben von Klischees über Wirtschaftsbereiche, die sich bestenfalls ignorieren und schlimmstenfalls gegenseitig verachten. Der Bereich der Kulturwirtschaft hält ein Bemühen, Bankfinanzierungen zu erlangen, im Wesentlichen für Zeitverschwendung. Der Bankensektor ist nicht gewillt, Engagement für ein Gebiet aufzubringen, das seiner Ansicht nach schwer zu erfassen ist. Das Banken-Trainingsprogramm bietet die Möglichkeit, gegenseitig vorhandene Stereotypen und Vorurteile zu hinterfragen, indem es beiden Welten ein Treffen und einen Austausch dahingehend ermöglicht, eine « Win-Win »-Zusammenarbeit zu erwägen.

Die Europäische Kommission schätzt den Mangel an Finanzmitteln für den Sektor auf 8 Milliarden Euro. 2016 beschloss sie die Einrichtung eines Fonds zur Garantie der von den am Programm beteiligten Banken gewährten Darlehen. Bis heute zählen wir ein Dutzend teilnehmende Banken in zehn Ländern der EU (Belgien, Dänemark, Spanien, Frankreich, Italien, Niederlande, Polen, Portugal, Rumänien, Tschechien). [1])

Diese Finanzfazilität ist die bemerkenswerteste öffentliche Maßnahme, die je europaweit ergriffen wurde. Sie fördert die Wettbewerbsfähigkeit der Kreativwirtschaft, die in Europa 8 Millionen Arbeitsplätze bietet [2] und die Vielfalt der lokalen Kulturen des Kontinents sowie seine unglaubliche kreative Kapazität zum Ausdruck bringt.

Wir sind überzeugt, dass eine Erhöhung der Bankenattraktivität für den Bereich Kulturwirtschaft durch eine Analyse des Risiken eines Kreditantrags, für jeden Akteure in der Wertschöpfungskette der vielen Teilsektoren der CCIs [3], die Fähigkeit der Banken in CCIs zu investieren stärken wird.

Diese Perspektive verlangt die Errichtung und Durchführung eines Trainingsprogramms um eine Risikoanalyse jedes Teilsektors zu ermöglichen. Erfahrungsgemäß ist es schwierig in einem einfachen komprimierten Diagramm, die Funktionsweise einer Prototypen-Industrie darzustellen, die lokalen Gegebenheiten (Recht, Hilfe, Konzentrationsgrad, Sprachen) unterliegt und auf spezifischen unternehmerischen Motivationen beruht. Während die Suche nach Bekanntheit oder künstlerischer Seriosität in dieser Branche ebenso wichtig ist wie das Streben nach Gewinn, ist es ferner fast unmöglich, den Analysten von jegliche Unsicherheiten zu beruhigen. Es würde wie ein Reisebüro wirken, das erfahrenen Bergsteigern eine Reise zum Annapurna verkauft und zugleich die gefährlichen Aspekte der Expedition hinsichtlich Wetter, Steilheit der Piste und Wildnis der Umwelt betont. Nur Unerschrockene Wanderer würden sich auf ein solches Abenteuer einlassen. Aber wenn der Verkäufer die Elemente der Schönheit, der neuen Horizonte und der Transformation hervorheben, die den Kunden nach der Eroberung des `Daches der Welt´ erwarten, wird das positive Erfahrungspotenzial, trotz der riskanten Aspekte, die Sympathie des Käufers gewinnen.

Es ist offensichtlich, dass Unternehmen des CCI-Sektors daran gelegen sein muss, ihre Sprache an die Anforderungen der Banken (Rückerstattungsperspektiven) und sich an den Prozess der Risikoanalyse anzupassen, der in der Prüfung des Kreditantrags gipfeln wird.

Die Entscheidung, Kredite an den Kreativ- und Kultursektor zu vergeben, beruht offensichtlich auf einer strategischen Entscheidung. Die Teilnahme der Banken am Ausbildungsprogramm spiegelt diese Verpflichtung wider. Die Befähigung, ein solches Engagement zu unterstützen und umzusetzen, hängt am Ende des Tages vom Geschick der Mitarbeiter der Banken ab, die Sektor-immanenten Möglichkeiten zu verstehen und zu erkennen, und von seine Fähigkeit, eine neue Kundschaft finanzierungssuchender CCI Unternehmer zu begeistern.

Kann dieser Sektor verführt werden? Präsentiert er sich vor potenziellen Investoren im besten Licht?

Die Vermögenswerte des CCI Sektor sind bedeutend [4]. Es ist eine rasant wachsende Industrie, die vor allem über Investition von « Big Techs » (Netflix, Apple, Amazon, Google, Tencent, Disney, Spotify) gefördert wird.  Die lokalisierten Inhalten die von CCI Unternehmer kreiert werden sind von Vorrangige Bedeutung für die Entwicklung von „Big Techs“ Diensten auf globalisierten « Streaming »-Netzwerken und -Plattformen. Zum Zweiten konzentriert der CCI Sektor die Industrien von morgen, die in der besten Lage sind, den Anspruch auf Schönheit, Freizeit, Design, Komfort, Bedeutung oder Erinnerung und Ausdruck der lokalen Kultur zu realisieren.

Der Potential dieser Sektor wird oft von lokalen Behörden in kreativen Zentren und weiteren audiovisuellen Clustern des jeweiligen städtischen Ökosystems gesetzt, um sein Potential für die territorialen Attraktivität zu steigern. Das Exportpotenzial zeigt sich im in das herstellende Südostasien, wo europäische Schöpfer vonnöten sind, um die lokale Kreativwirtschaft zu entwickeln – zum Beispiel in Bezug auf Möblierung, Kleidung, Haushaltsgeräte oder die Programmierung des kulturellen Angebots.

Die Kultur- und Kreativwirtschaft entstammt dem europäischen Raum. Dessen Kulturindustrien sind die am weitesten entwickelten der Welt und letztere nutzen die kreative Fähigkeit unseres Kontinents. Dieses kreative Europa zieht bereits die Hälfte des weltweiten Tourismus an, insbesondere wegen seines Erbes und kulturellen Angebots. Ungeachtet ihrer unbestreitbaren Vorteile bleiben CCIs unerkannt und Start-Ups in diesem Sektor erzeugen nicht denselben Enthusiasmus wie in verwandten digitalen Branchen.

Das Ziel des Programms besteht darin, das Bewusstsein der Banken für diese post-industrielle Gesellschaft zu sensibilisieren, in der die CCIs die Speerspitze bilden. Es verhilft ihnen zu besserem Verständnis in Bezug auf die Rolle und den Einfluss von Kulturunternehmern auf das Wirtschaftswachstum, sozialen Entwicklungen oder Wettbewerbsverzerrungen, deren Urheber sie sind. Das beste Beispiel ist Apple, wo ihr Erfolg auf Steve Jobs´ Fähigkeit beruht, Kultur (Design, Musik, Apps) und Technologie miteinander zu kombinieren. Es ist die Gelegenheit, ihren wesentlichen Beitrag in dieser Wirtschaft von nachhaltiger Erfahrung und austauschender Teilhabe zu unterstreichen.

Kreditvergaben für diesen Sektor werden eine direkte Folge des Geschicks der Bankmitarbeiter sein, den der Kreativität innewohnenden Wert als Instrument der wirtschaftlichen und sozialen Innovation zu verstehen. Der CCI-Sektor ist gehalten, obwohl er der Spezialist für « Storytelling » ist, seinen Diskurs zu überdenken (oft nur für Kulturwissenschaftler hörbar) und im Interesse wirtschaftlicher und sozialer Fragen relevant zu machen. Es ist an der Zeit, das Verständnis für die mannigfaltigen Effekte kultureller Investitionen auf die Regeneration, Innovation und Entwicklung zu optimieren. Dies könnte die Rolle der auf dem ganzen Kontinent verteilten Berufsverbände und Büros von Creative Europe sein.

Letztendlich geht es um eine Risikoanalyse in der Kultur- und Kreativwirtschaft sowie auf dem Gebiet der technologischen Innovation. Die Banken werden sich mit Fachleuten dieses Sektors umgeben müssen, die die Geschichte und das Potenzial eines Unternehmens in einem Markt verstehen und interpretieren können, der ständig in Bewegung ist und von technologischen Veränderungen und Trends getragen wird. Ein Bankier kann nicht um sein Urteil bezüglich des Potenzials eines Künstlers oder einer Filmproduktion gebeten werden, aber es muss eine professionelle Antwort auf diese Anfrage geben.

Das Training wird von Creative Europe (DG Connect der Europäischen Kommission [5]) finanziert, dem europäischen Programm zur Unterstützung der Entwicklung der Kulturwirtschaft. Es wäre von Nachteil, wenn die Banken die einzigen direkten Begünstigten dieser Ausbildung wären. Deshalb ist es wichtig, dass sich der CCI-Sektor zusammenschließt, um die Beantragung von Krediten zu fördern, ihr Volumen und ihre Qualität hinsichtlich Bank-kausaler Einschränkungen zu erhöhen. Die Verbindung zwischen Banken und Unternehmern des CCI-Sektors muss proaktiv (im Co-Kreativmodus) sein, um Dialoge zu erlauben, Stereotypen zu bekämpfen und Glaubwürdigkeit zu schaffen, die die Überprüfung von Finanzierungsanfragen vereinfacht. Dieses Trainingsprogramm ermöglicht es ferner, den Denkprozess zur Finanzierung der Kulturwirtschaft  zu beeinflussen sowie die Entwicklung von Produkten und Finanzdienstleistungen, die an die Besonderheiten des Sektors angepasst sind, beizutragen.

Obwohl es wichtig ist, die Banken zur Finanzierung von CCIs zu ermutigen, ist es schlussendlich auch von enormer Bedeutung, sicherzustellen, dass Ausbildung sowie auch Finanzierung dem gesamten CCI-Sektor zugutekommen und der Unterstützung der strukturellen Entwicklung von Unternehmen (und nicht nur Projekten) dienen, sowohl in der Produktion als auch im Vertrieb. In diesem Kontext müssen sich die Berufsverbände des Sektors (gegenseitig?) engagieren können, ebenso wie die Verbände der Filmproduzenten, die am häufigsten von ausbildungsbedürftigen Banken angesprochen werden. Die Herausforderung besteht darin, sowohl auf nationaler Ebene mit Finanzintermediären in den Ländern zu kooperieren als auch auf europäischer Ebene zusammenzuarbeiten, um das Bestehen und die Umsetzung der von der Europäischen Kommission eingerichteten Finanzfazilität zur Unterstützung der Wettbewerbsfähigkeit von CCIs zu verteidigen.

 

Philippe Kern

 


[1] Die Liste der teilnehmenden Banken, die als Vermittler bei der Einrichtung der Fazilität in 7 Ländern fungieren, finden Sie hier: https://www.eif.org/what_we_do/guarantees/cultural_creative_sectors_guarantee_facility/businesses_active_in_the_ccs

[2] Quelle Eurostat 2018

[3] Kunst, Kino, Musik, Architektur, Radio, TV, Kulturerbe, Bücher, Presse, Videospiele, Bildung, Design, Mode, Handwerk.

[4] Wir bieten eine Erzählung dazu unter «Wie lockt man den kreativen Investor? » http://www.keanet.eu/lure-creative-investor/

[5] https://ec.europa.eu/digital-single-market/en/financial-guarantee-facility-culture-creative

 

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